Tara
Tara war mein erster Hund. Lang erträumt, sehnlichst herbeigewünscht. Und doch alles andere als ein Traumhund.
Der vergebliche Wunsch nach einem Hund prägte meine Kindheit. Im Elternhaus war Hundehaltung aus verschiedenen Gründen nicht möglich, während des Studiums fehlten ebenfalls Möglichkeiten und Zeit. Aber dann war es so weit. Mein Arbeitsplatz erlaubte die Mitnahme eines Hundes. Und nun konnte ich es kaum mehr erwarten. Zufällig stieß ich recht bald auf einen Wurf Wolfspitze und kam so auf den Hund wie Tausende anderer Hundebesitzer auch. Ein kleines tapsiges, fiependes Fellknäuel eroberte rücksichtslos mein Herz. Da war kein Platz mehr für Überlegungen ob das denn wohl die richtige Rasse für mich sei, oder ob denn die Eltern auch gesund seien. Zu meiner "Entschuldigung" mag gelten, dass für mich damals Hundezucht als wissenschaftliches Arbeitsgebiet noch in weiter Ferne lag. Das einzige, was mir die Züchterin als rassespezifische Information mitgab war dass Wolfspitze nicht jagen. Wolfspitzbesitzer bekämen aus diesem Grunde vom Niederösterreichischen Landesjadgverband sogar eine Prämie wurde mir erzählt.
Und so begann dann mein fast 16 Jahre dauerndes Zusammenleben mit Tara. Bereits der Anfang war nicht ganz unproblematisch. Sie war von Anfang an perfekt "straßensauber": Nach stundenlangem Spazierengehen im damals noch urbanen Umfeld erleichterte sie sich glückselig auf dem Wohnzimmerteppich. Es dauerte Wochen bis die biologischen Notwendigkeiten dort erledigt wurden wo sich das für Hunde so gehört. Auch die gegenteiligen Aktivitäten waren mit Problemen verbunden. Mein kleiner Hund weigerte sich schlichtweg zu fressen. Zumindest das, was ich ihm in seine Schüssel gab. Was bei mir am Teller lag wurde hingegen mit großem Interesse betrachtet und sofern möglich auch gefressen. Uns so sah ich dann irgendwann die einzige Möglichkeit meinen kleinen Hund vor dem Verhungern zu bewahren darin ihr Futter auf meinen Teller zu geben, diesen auf den Tisch zu stellen und sie mit der Hand daraus zu füttern. Der Betrug funktionierte. Ab sofort fraß sie auch ihr Hundefutter. Aber eben nur vom Teller auf dem Tisch. Ich muss heute selber schmunzeln wenn ich an diesen hundepädagogischen Resignationsakt denke, aber ich war damals eben ein echter Hundeneuling.
Der Alltag mit Tara gestaltete sich durchgängig fröhlich. An meinem Arbeitsplatz gab es damals noch eine fast gleichalte Beaglehündin die mit Tara auf der Stelle eine feste und langjährige Freundschaft begann. Keine Sorge, wir haben damals viel gearbeitet, aber es machte Spaß zwischendurch immer wieder mal den permanent spielenden und tobenden Hunden zuzuschauen. Aber alles was nicht mit Spielen zu tun hatte gestaltete sich schwierig. Tara war, und das hatte sicherlich nicht nur mit meiner fehlenden Hundeerfahrung zu tun, ein schwererziehbarer Hund. Sie zeigte eine verhängnisvolle Kombination aus Dickschädel und Seelchen. Den Dickschädel setzte sie immer dann ein wenn sie etwas, das ich von ihr wollte, nicht zu tun gedachte. Und wenn ich sie dann in welcher Form auch immer strafte kehrte sie das Seelchen heraus. Belohnungen sah sie als selbstverständlich an, Strafen als Weltuntergang. Und dazu war sie noch intelligent genug um mich wo immer es ging auszutricksen. Aber irgendwann kam dann doch der Tag an dem wir miteinander halbwegs zurecht kamen. Sie blieb allerdings ihr Leben lang ein leicht zu beleidigender Hund.
Und auch sonst lag ihre Reizschwelle extrem niedrig. Das betraf einerseits Begeisterungsausbrüche bei allem was sie gut fand. Das konnte der Griff zur Leine vor dem Spaziergang sein, die Ankunft eines Menschen den sie liebte oder das Aufnehmen eines Hölzchens zum Werfen. Sie drehte jedesmal fast durch vor Freude. Aber auch bei negativen Reizen reagierte sie im Übermaß. Und nicht nur einmal passierte es dass sie dabei jemanden biss. Die Bisse waren nie schlimm, mehr als ein blauer Fleck war es nicht und einmal eine zerrissene Hose, aber sie hatte bald den Ruf als bissiger Hund weg. Und dann war da noch das Bellen. Alle Hunde bellen gelegentlich, manche mehr, manche weniger. Für Tara war Bellen Hobby und Lebensaufgabe zugleich. Sie bellte bei jeder sich bietenden Gelegenheit und wenn es keine gab, dann suchte sie sich eine. Im höheren Alter wurde sie dann auch noch lärmempfindlich. Gewitterdonner, Schüsse, Silvesterkracher aber auch Instrumente der Dorfkappelle unseres später ländlichen Umfeldes lösten bei ihr Nervenzusammenbrüche aus die sich darin äußerten dass sie am ganzen Körper zitterte und für ein bis mehrere Stunden kaum ansprechbar war.
Aber in einem Punkt machte sie ihrer Rasse alle Ehre. Sie jagte tatsächlich nicht. Und sie bewies das eines Tages auf sehr eindrucksvolle Weise. Ich war mit ihr wieder mal bei meinem Pferd, das in einem Reitstall in Niederösterreich untergebracht war. An diesem Tag waren die Stallbesitzer mit ihren Hunden da, drei Deutsch Kurzhaar. Wir standen plaudernd am Rand eines Feldes als auf einmal alle Hunde losrannten. Ein Hase hatte ganz plötzlich die Flucht ergriffen und alle Hunde, auch Tara verfolgten ihn. Gewohnheitsmäßig rief ich sie zurück was bei den Besitzern der anderen Hunde ein mitleidiges Lächeln auslöste. "Was soll das, die kommt jetzt doch nicht zurück" bekam ich zu hören. Aber es kam anders. Auf meinen Ruf hin wurde Tara langsamer, ein zweiter Ruf brachte sie dazu stehenzubleiben und beim dritten Ruf kam sie zwar langsam aber doch zurück. An die verblüfften Gesichter der anderen Hundebesitzer denke ich noch heute gerne zurück.
Spitze
Eine niedrige Reizschwelle sowie Bellfreudigkeit machen bei einer Rasse die traditionell als Wach- aber nicht als Schutzhund genutzt wurde durchaus Sinn. Unter den heutigen, veränderten Lebensbedingungen werden solche Eigenschaften aber obsolet und stellen sicherlich ein Hindernis hinsichtlich der Verbreitung der Rasse dar. Was wir uns heute bei Begleit- und Familienhunden wünschen ist eine eher hohe Reizschwelle bei geringer oder mäßiger Aggressivität, und vor allem: bellen sollen sie nicht oder nur in begrenztem Umfange. Japanspitze, bei denen eine entsprechende Selektion stattgefunden hat, verfügen über diese Eigenschaften was sie zu angenehmen Familienhunden macht ohne dass die willkommenen Eigenschaften der Spitze verloren gegangen sind [s.a.Shira].
Bedauerlicherweise scheint es so als ob die Beliebtheit von Großspitzen derart am abnehmen ist dass um den Bestand der Rasse zu fürchten ist was einen großen Verlust darstellen würde. Denn Spitze verfügen über Eigenschaften wie Territorialität, Sensibilität, Anhänglichkeit, Distanziertheit Fremden gegenüber, begrenztes Bewegungsbedürfnis, lange Lebensdauer und das fehlen eines Jagdtriebes die sie bei zeitgemäßer Selektion zu Begleit- und Familienhunden weit geeigneter macht als dies bei manch anderer, auf Jagd- oder Schutzhundbasis entstandenen Rasse der Fall ist.
Dass Tara Junge bekam könnte man bei nüchterner Betrachtung auf meine Gedankenlosigkeit, bei etwas romantischerer Sichtweise auf "Amors Pfeile" zurückführen. Ich hatte damals mein Pferd in einem Reitstall im Marchfeld eingestellt. Tara war immer dabei und dort gab es einen Rüden den sie von Anfang an sehr mochte. Die Zuneigung beruhte auf Gegenseitigkeit und die beiden Hunde waren immer ganz glücklich wenn sie beisammen waren. Dann wurde sie läufig und es wurde vereinbart dass der Rüde, wenn wir da waren, weggesperrt wurde. Aber es kam was kommen musste. Irgendjemand öffnete die Tür hinter der der Rüde nur auf die günstige Gelegenheit gewartet hatte und noch bevor ich wusste was geschah, war meine Hündin gedeckt. Der Rüde war natürlich kein prämierter Wolfspitz sondern ein Mischling aus Barsoi und Schäferhund, nichtsdestoweniger ein prachtvoller Hund und so fiel die Entscheidung Tara die Welpen austragen zu lassen nicht allzu schwer.
Und es hat sich gelohnt. Sieben wunderschöne Mischlinge waren das Produkt dieser "Liebesehe". Einer davon, Mimi, die ich behalten habe, hat mich fast 14 Jahre begleitet. Und eines kann ich ganz ohne Vorbehalte sagen. Das Erlebnis einen Wurf Hunde aufzuziehen war eines der schönsten in meinem Leben, eine Erfahrung die mich auch das Dilemma vieler Hundehalter verstehen lässt die sich einen Wurf von ihrer Hündin wünschen und dann mit der Tatsache konfrontiert werden dass die Hündin nicht zu Zucht geeignet ist.
An den Nachkommen aus dieser Wolfspitz-Schäfer-Barsoi Kreuzung ließen sich gut die Dominanzeffekte verschiedener Merkmale erkennen. Der Schäfer-Barsoi-Vater sah aus wie ein größerer Collie, mit dreifarbigem Fell und Hängeohren. Taras Kinder hatten zum Teil Hänge- und zum Teil Stehohren. In der Fellfarbe gab es zwei Varianten. Ein Teil war wolfsgrau wie Tara, ein Teil war gelb mit schwarzen Haarspitzen. Am Interessantesten fand ich das Jagdverhalten das ich bei Mimi beobachten konnte, sie hatte es wohl von ihrem Barsoi-Großvater geerbt. Obwohl nie bei Tara beobachtet jagte sie mit Begeisterung, allerdings ausschließlich auf Sicht. Solange ein Hase, der vor ihr flüchtete zu sehen war rannte sie hinterher. Kaum war die Beute in einem Feld oder Gebüsch verschwunden wurde es uninteressant und Mimi kam zu mir zurück.
Ein paar Monate nachdem Tara ihren Wurf hatte begannen ihre Rückenschmerzen. Ohne Vorwarnung stieß sie eines Tages einen lauten Schrei aus und begann am ganzen Körper zu zittern. Sie konnte sich fast nicht mehr bewegen und die Schmerzen gingen offensichtlich vom Rücken aus. Die am nächsten Tag durchgeführte Röntgenuntersuchung zeigte das Dilemma. An fast allen ihren Wirbeln gab es Zubildungen die zum Teil bereits miteinander verwachsen waren. Spondylose lautete die Diagnose. Eine Heilung sei nicht möglich, Medikamente könnten die Symptome mildern. Die Medikamente die sie bekam schlugen gottseidank auch gut an und Tara erholte sich wieder.
Etwa ein halbes Jahr später ging es wieder los. Wieder ganz ohne Vorwarnung und für Tara wieder ein physisch und wohl auch psychisch erschreckendes Erlebnis. Auch diesmal halfen die Medikamente und für ein weiteres halbes Jahr hatten wir Ruhe. Als aber nach etwa sechs Monaten alles wieder anfing fiel mir die Periodizität der Anfälle auf und weiter dass die Anfälle immer im Zusammenhang mit Taras Läufigkeit auftraten. Der Zusammenhang ließ sich in der Theorie gut erklären. Durch die während der Läufigkeit produzierten Hormone kommt es zu einer Aufquellung aller Gewebe, was den Druck auf die Nervenenden im Bereich der Spondylosen wohl verstärkte. Als Konsequenz dieser Erkenntnis ließ ich Tara kastrieren und es half. Sie wurde zwar zunehmend steifer im Rücken, hatte aber nie wieder so offensichtliche Schmerzanfälle.
Mit etwa 7 Jahren hatte sie dann einen ersten epileptischen Anfall. Die Anfälle traten gottseidank nur selten auf und hörten im späteren Alter ganz auf, aber sie vererbte die Krankheit einem ihrer Söhne, der weit schlimmer erkrankte und im Alter von etwa vier Jahren im "Status epilepticus" eingeschläfert werden musste.
Epileptische Anfälle
Zwei meiner bislang 6 Hunde litten an epileptiformen Anfällen, ein Ausdruck der genauer als der übliche Terminus Epilepsie beschreibt dass es höchst unterschiedliche Gründe für das Auftreten dieser Anfälle gibt was die züchterische Bearbeitung natürlich ungemein erschwert oder sogar unmöglich macht. Problematisch ist dies insbesondere dadurch dass die Anfälle oft erst in fortgeschrittenen oder hohem Alter auftreten. Es kommt hinzu dass hier der Forschungsstand noch wenig entwickelt ist und es bedauerlicherweise keine ausreichenden Daten gibt um abschätzen zu können wie weit diese Krankheiten tatsächlich verbreitet sind. Es kann aber wohl von einer recht hohen Dunkelziffer ausgegangen werden.
Anders als bei einigen anderen Krankheiten gibt es außerhalb des beobachteten Anfalles bislang keine diagnostischen Möglichkeiten. Klar ist dass es Formen gibt die genetisch bedingt sind wie das bei Tara wohl der Fall war. Solche Hunde und ihre Nachfahren sollten natürlich von der weiteren Zucht ausgeschlossen werden was m.W. von keinem Zuchtverband explizit gefordert wird.
Schwerere Formen epileptiformer Anfälle sind eine schlimme, die Persönlichkeit des Hundes zerstörende und Hund und Besitzer enorm belastende Krankheit. Es wäre wünschenswert wenn diese Problematik in Forschung und Hundezucht stärkere Beachtung finden würde.[s.a. Nicoline]
Abgesehen von diesen beiden Problemen war Tara ein sehr gesunder Hund der auch ein fast biblisches Alter erreichte. In ihren letzten Lebensjahren zeigte sie allerdings alle Anzeichen einer zunehmenden Demenz was das Zusammenleben mit ihr nicht gerade einfach machte. Zum Schluss lebte sie nur mehr in ihrer eigenen Welt zu der weder ich noch ihre Tochter Mimi richtigen Zugang hatten. Mit knapp 16 Jahren fiel sie dann eines Tages auf einem Spaziergang durch den Garten einfach um und war tot. Ein schöner, friedlicher Tod. [ weiter... ]
