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Wie normal ist “normal”?

Die Differenzierung zwischen krank und gesund ist nicht nur im kurativ veterinärmedizinischen Bereich eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche tierärztliche Intervention sondern auch im züchterischen Bereich die Basis jeder Selektion gegen Erbkrankheiten bzw. Selektion auf gesunde Hunde.

Sucht man z.B. im Internet nach einer Definition von "gesund" oder von "krank" findet man fast unendlich viele Ansätze, die je nach Kontext zum Teil sehr unterschiedlich ausfallen. Beschäftigt man sich etwas ausführlicher mit der Frage kommt man irgendwann zu dem Schluss, dass eine exakte und allgemeingültige Definition der beiden Begriffe de facto nicht möglich ist.

Im Bereich der klinischen Medizin und Veterinärmedizin versucht man dieses Problem zu lösen, indem der Begriff Krankheit mit "Abweichung vom Normalen" verbunden wird. Da aber auch innerhalb des "Normalen" eine mehr oder weniger große Varianz vorliegt, versucht man über einen statistischen Ansatz Grenzwerte für "Normalität" zu finden bzw. zu definieren. Jeder, der schon mal sich selber oder seinen Hund einer Laboruntersuchung unterzogen hat, kennt den Begriff der Referenzwerte bzw. des Referenzbereiches. Solange ein Laborparameter innerhalb des angegebenen Referenzbereichs liegt ist alles in Ordnung. Liegt der eigene Wert über oder unter der Grenze des Referenzbereiches, sind therapeutische Interventionen oder zumindest weitere Untersuchungen angesagt.

Der statistische Ansatz zur Festlegung von Referenzbereichen lässt sich am besten mit dem mathematischen Modell der Normalverteilung erklären. Das geht von folgender Überlegung aus:

Die Verteilung der individuellen Größen eines biologischen Merkmals in einer Population folgt einem bestimmten Muster, nach dem ein großer Anteil der Population Werte nahe dem arithmetischen Mittel aufweist. Aber auch Werte mit größerem Abstand zum Mittelwert sind möglich, werden aber bei einem geringeren Anteil der Population gefunden. Die Festlegung der Grenzen des Normalen erfolgt nun auf der Basis einer fast etwas willkürlich anmutenden Vereinbarung. Man geht davon aus, dass 95% der gesunden Individuen einer Population "Normal" sind. Statistisch lässt sich somit der Referenzbereich über die Berechnung des sogenannten 95% Quantils ermitteln. Das Prinzip ist recht einfach. Man ordnet die in einer Population erhobenen Einzelwerte eines bestimmten Merkmals in ansteigender Reihenfolge. Die ersten 2,5% der Werte liegen dann unterhalb des "Normalbereiches", die letzten 2,5% der Werte liegen oberhalb des Referenzbereiches. Wenn man also eine Population von 1000 Individuen in Bezug auf ein bestimmtes Merkmal untersucht und die Ergebnisse dann der Größe nach sortiert, ist der untere Grenzwert des Normalbereiches definiert durch den Wert des 26. Individuums, der obere Grenzwert durch den Wert des 974. Individuums.

Stellt man das ganze graphisch dar, sieht das in etwa folgendermaßen aus:

Nicht alle biologischen Merkmale folgen tatsächlich einer Normalverteilung und in vielen Fällen ist der "Normalbereich" auch einseitig begrenzt. Das Prinzip des "Normal-" oder "Referenzbereiches" ist aber grundsätzlich immer des gleiche. Man nimmt an, dass 95% der Gesunden Werte innerhalb des Referenzbereiches zeigen.

Die Grenzen des Normalen werden somit durch die Verteilung in einer bestimmten Population bzw. einem bestimmten Populationsteil definiert. Für die Ermittlung von gesundheitsrelevanten Laborwerten ist das der Teil der gesunden Individuen dieser Population. Damit zeigt sich aber auch ein Problem von Referenzbereichen. Sie gelten im Grunde nur für die Population bzw. den Populationsteil in dem sie erhoben wurden. Man kann zwar grundsätzlich durch entsprechend große Stichproben die Allgemeingültigkeit von Referenzbereichen erhöhen, es bleibt im Einzelfall aber immer die Frage, wieweit eine Abweichung vom Referenzbereich tatsächlich krankheitsrelevant ist. Und das insbesondere dann, wenn der individuell erhobene Wert nur geringfügig vom Grenzwert des Normalbereiches abweicht.

Im praktisch medizinischen Bereich kann man sich u.a. dadurch helfen, dass Referenzbeiche z.B. alterskorrigiert, d.h. getrennt für verschiedene Altersbereiche, definiert werden. Damit wird dann die Tatsache berücksichtigt, dass sich bestimmte biologische Parameter mit zunehmendem Alter verändern, dass also etwas, was für einen 20jährigen bereits außerhalb des Normalbereiches liegt, für einen 70jährigen noch völlig normal sein kann.

Aber auch andere individuelle Charakteristika können den Referenzbereich verschieben wie z.B. das Geschlecht oder die ethnische Herkunft, bei Hunden also auch die Rasse.

Im Rahmen der züchterischen Diagnostik ist das Problem dadurch erschwert, dass für die Selektion eindeutige Entscheidungen zu treffen sind. Wie im Kapitel Screening diskutiert, ist eine wichtige Voraussetzung einer effizienten Screeningdiagnostik die eindeutige Definition der Befundvarianten.

Das ist relativ leicht bei den sogenannten "Alles-oder-Nichts"-Merkmalen. Ob z.B. ein Zahn fehlt oder vorhanden ist, eine zusätzliche Wimpernreihe (Distichiasis) oder ein Nabelbruch vorliegt, lässt sich mit etwas tierärztlicher Erfahrung recht klar feststellen. Problematischer wird es wenn man z.B. die HD-Diagnostik betrachtet. Nicht nur, dass es hier eine nahezu stufenlose Variation in der Ausbildung der Hüftgelenke gibt, ist auch die Krankheitsrelevanz unterschiedlicher Befunde sowohl innerhalb als auch insbesondere zwischen Rassen sehr inkonsistent. So ist es wohlbekannt, dass die Varianz des Norberg-Olsson-Winkels rassespezifisch recht unterschiedlich sein kann und dass es Rassen gibt, bei denen ein Großteil der Tiere Werte deutlich unter 105° hat, ohne dass bei Tieren dieser Rasse jemals klinische Probleme mit dem Hüftgelenk auftreten. Dennoch wird bei der HD-Diagnostik recht starr an dem langjährig tradierten Grenzwert von 105° für den Befund "HD-frei" festgehalten. Für viele Zuchtverbände ergibt sich daraus dann das Problem, dass zu viele Tiere aus der Zucht genommen werden müssten, würde nur mit HD-freien Tieren gezüchtet werden. Gelöst wird das Problem oft dadurch, dass auch Tiere mit HD-Verdacht bzw. mit HD-leicht zur Zucht kommen. Da diese Befunde aber nicht nur auf der Basis des Norberg-Olsson-Winkels erstellt werden, sondern auch über arthrotische Veränderungen des Gelenkes selber, besteht auf diesem Weg die Gefahr, dass dann tatsächlich Tiere mit krankheitsrelevanten Veränderungen des Hüftgelenkes zur Zucht kommen. Würde man in solchen Rassen einen rassespezifischen Referenzbereich für den Norberg-Olsson-Winkel ermitteln und die HD-Diagnostik entsprechend rasseangepasst durchführen, könnte die Selektion effizienter und unter Berücksichtigung des Erhaltes einer größtmöglichen genetischen Varianz erfolgen.

Die Ermittlung von Referenzbereichen setzt voraus, dass eine repräsentative Stichprobe einer Population einer Untersuchung unterzogen wird. Will man also rassespezifische Referenzbereiche für den Norberg-Olsson-Winkel bestimmen müssten repräsentative Stichproben verschiedener Rassen untersucht werden. Dass eine solche Untersuchung in der Praxis kaum möglich ist, wurde bereits an anderer Stelle berichtet. Denn eine repräsentative Stichprobe muss einerseits ausreichend viele Tiere umfassen, anderseits dürfen diese Tiere nicht vorselektiert sein. Wenn z.B. all Hunde, die bereits im Alter von unter einem Jahr Beschwerden am Hüftgelenk zeigen, gar nicht erst einem HD-Röntgen zugeführt werden, ist die Stichprobe der HD-untersuchten Hunde nicht als repräsentativ anzusehen.

Die Ermittlung von Referenzbereichen setzt aber auch eine möglichst objektive Merkmalserfassung voraus. Und die ist in vielen Bereichen züchterischer Merkmalserfassung nicht oder nur unzureichend gegeben.

Eine spezielle Problematik der Normalitätsdefinition ergibt sich im Zusammenhang mit tierschutzrechtlichen Bestimmungen insbesondere in Österreich. Das Österreichische Bundestierschutzgesetz verbietet zwar in Par. 5 (2) 1. die sogenannten Qualzüchtungen. Die Definition dessen, was als Qualzucht zu interpretieren ist wird aber weitestgehend der Phantasie der Züchter bzw. der Amtstierärzte überlassen. Abgesehen davon, dass die nach dem Tierschutzgesetz verbotenen Leiden, Schmerzen und Schäden bei Tieren auch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten grundsätzlich nur schwer und nur mit viel einschlägiger Erfahrung zu erfassen sind, besteht eine spezielle Tücke des österreichischen Qualzuchtparagraphen darin, dass im Gegensatz zu anderen tierschutzrelevanten Tatbeständen, die dadurch definiert sind, dass Tieren Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden, der Qualzuchttatbestand erst dann als erfüllt gilt, wenn Tiere schwere Schmerzen, Leiden oder Schäden auf Grund züchterischer Maßnahmen erdulden müssen. Eine verlässliche Differenzierung zwischen Rassemerkmalen, die "normale" und solchen die "schwere" Schmerzen bedingen, ist aber de facto nicht möglich. Das österreichische Qualzuchtverbot muss somit aus wissenschaftlich-diagnostischer Sicht als Fehlkonstruktion, aus praktischer Sicht als nicht exekutierbar beurteilt werden.

Der Begriff der Normalität hat aber auch noch einen ganzheitlichen Aspekt. Die Vision der Zucht gesunder Rassehunde, die zumindest nach außen die primäre Intention aller Rassehundezüchter und Zuchtverbände ist, umfasst die Vorstellung eines Hundes der lebenslang absolut gesund und beschwerdefrei ist und den Tierarzt wenn überhaupt einmal jährlich beim impfen sieht. Die Frage ist nun, wie dieses Bild in das Schema der Normalverteilung passt. Ist dieses Bild repräsentativ für einen Referenzbereich von 95% aller Hunde? Ich meine: NEIN. Der lebenslang völlig gesunde und beschwerdefreie Hund liegt eher im Bereich der 5% außerhalb des Referenzbereiches. Das heißt aber nicht notwendigerweise, dass die übrigen 95% der Hunde alle schwer krank und dauerleidend sind. Auch dieses Bild liegt wohl eher im Bereich außerhalb des 95%igen Normalbereiches, nur auf der anderen Seite der Verteilungskurve. Der Normalbereich umfasst aber damit eine Variation von Hunden mit unterschiedlicher Krankheitshäufigkeit und Krankheitsintensität, wobei hier sicherlich auch zwischen den Rassen große Unterschiede bestehen. In jedem Fall muss aber ein Hundebesitzer damit rechnen, dass sein Hund im günstigsten Fall gelegentlich bzw. geringfügig, im ungünstigsten Fall häufig oder immer bzw. schwerwiegend krank ist. Die Vision des absolut gesunden Rassehundes mag das Ziel bzw. die Idealvorstellung der Hundezüchter sein, die Normalität umfasst statistisch gesehen 95% der Tiere mit einer mehr oder weniger großen Variation in Bezug auf den Gesundheitsstatus.

Und um die anfangs gestellte Frage damit zu beantworten: Normal ist nicht immer gleich normal sondern umfasst einen mehr oder weniger willkürlich definierten Bereich im Rahmen der Verteilung eines Merkmals in einer Population.